Séparée für die Sinne
Ein Seelenprojekt sei das «Sensoria Dolomites», sagt die Gastgeberin. Lea Oberhofer im Interview über ihre Wurzeln, die weite Welt und darüber, wie ein Haus Menschen nicht nur empfangen, sondern verwandeln kann.

Ein Seelenprojekt sei das «Sensoria Dolomites», sagt die Gastgeberin. Lea Oberhofer im Interview über ihre Wurzeln, die weite Welt und darüber, wie ein Haus Menschen nicht nur empfangen, sondern verwandeln kann.

Kaum betritt man das Wellnesshotel «Sensoria Dolomites», in ehrfürchtiger Nachbarschaft des Schlernmassivs, stellt sich eine ungeahnte Achtsamkeit scharf. Man erblickt das wohlfühlwarme Licht, das durch die dekorative Balkenkonstruktion in japanischer Architektur fällt. Man lauscht, wie der Alpenwind über die bizarren Felskanten säuselt und das Wasser im Aussenpool des Spas gluckert. Der Geruchssinn fängt Fichtenholz, Bergkräuter und subtile Noten aus der Gourmetküche ein.
Der Geschmack meldet sich spätestens mit der ersten Gabel von den Speisen, die in keine Schublade passen. Fühlen tut man die samtenen, blaugrauen Hausschuhe, in die man barfuss schlüpft, oder aber die wolkenleichte Bettdecke, die man nach einem Tag in erfrischenden Höhen dankbar über sich zieht. Der sechste Sinn schliesslich, die Intuition, weiss längst, dass man hier bleiben möchte, vielleicht sogar länger als geplant. Und der «siebte Sinn»? Diesen scheint Gastgeberin Lea Oberhofer zu besitzen, sie hat ein ausgeprägt feines Gespür – sowohl für ihre Gäste, Gesten wie auch für Gestaltung. Wie sie sich diesen angeeignet hat, ergründet sie im Gespräch.

Der Ritterhof war mein erster Kosmos: ein Ort, an dem sich Alltag und Zauber ständig berührten. Ich erinnere mich an das Knarren der Dielen, an weiche Stimmen und an das leise wie auch herzliche Lachen meiner Eltern, das sich mit dem Duft von Zirbe und warmem Holz mischte. An langen Sommerabenden auf der Terrasse, barfuss im Garten, an den Herbst, wenn alles in Rot und Gold leuchtete, und an Wintertage, an denen Schnee jede Bewegung dämpfte. Diese Bilder sind bis heute wie ein leiser Kompass meiner Kindheit. Als Kind war ich überall und nirgends: auf der Wiese, im Garten, in Gängen, die wie heimliche Welten wirkten, zwischen Gästen, die Geschichten aus fernen Ländern erzählten. Dass meine Eltern sich genau hier kennengelernt haben, gab diesem Ort immer etwas Schicksalhaftes – eine stille, warme Eleganz, die mich bis heute begleitet.
Ich hatte schon früh das Gefühl, dass die Welt grösser ist als das Sichtbare und dass ich hinausmusste, um sie wirklich zu begreifen. Eine besondere Rolle spielte dabei meine Lehrerin und spätere Mentorin, Norma Niederfriniger. Sie war eine jener seltenen Persönlichkeiten, die mehr erkennt, als man zu zeigen glaubt. Mit ihrem Scharfsinn, ihrer Klarheit und ihrem unerschütterlichen Vertrauen in mein Potenzial hat sie mich geprägt. Sie ermutigte mich, mutig zu denken, weiter zu schauen und Grenzen als Einladung zum Wachsen zu begreifen. So führte mich mein Weg nach Wien, wo ich BWL studierte. Die Stadt hat mich intellektuell wie ästhetisch geöffnet. Parallel wuchs meine Leidenschaft für Design, Formensprache und Mode. Ich war bekannt für mutige Farbkombinationen, besondere Outfits und ein spielerisches Anderssein. Rückblickend erkenne ich: Schon damals habe ich begonnen, Räume und Identitäten zu gestalten – nur eben zuerst an mir selbst.

Südostasien hat mich stark geprägt. Dort habe ich gelernt, wie man Räume nicht nur gestaltet, sondern inszeniert, etwa mit Stille, Ritualen und einem tiefen Respekt für Natur und Material. Mein Auslandssemester in Singapur zeigte mir, wie kraftvoll die Verbindung aus moderner Klarheit und kultureller Tiefe sein kann. Während meiner Zeit bei Louis Vuitton durfte ich an Orten arbeiten, die sich wie Kapitel eines globalen Designbuchs anfühlen: Häuser voller Poesie, Handwerk und Präzision. Es war weniger ein einzelnes Schlüsselerlebnis, sondern ein Mosaik aus Eindrücken – die Sanftheit balinesischer Architektur, die Eleganz japanischer Gastfreundschaft, das mühelose Selbstverständnis französischer Ästhetik. All diese Erfahrungen haben in mir ein inneres Bild entstehen lassen: wie ein Haus wirken kann, das Menschen nicht nur empfängt, sondern verwandelt.
2013 stand ein Generationenwechsel in unserer Familie bevor. Für mich war es nie selbstverständlich, zurückzukehren. Ich hatte mein Leben im Ausland, meine Ambitionen, meine Entdeckungsfreude. Doch gleichzeitig begann etwas in mir zu flüstern: eine Mischung aus Sehnsucht, Verantwortung und kreativer Lust. Und so entschied ich mich – als einziges Mädchen von vier Kindern – diesen Weg anzutreten und unserer Familiengeschichte eine neue Richtung zu geben. Es war ein intuitiver Ruf, das Gefühl, dass dies der Ort ist, an dem meine Erfahrungen zu einer eigenen Vision reifen können. Zurückzukehren bedeutete für mich nicht Heimkommen im klassischen Sinn, sondern die Chance, aus meiner Geschichte etwas Neues zu formen. Diese Eindrücke aus der Welt ausgerechnet hier in Südtirol zu verwurzeln – und das mit nur 25 Jahren. Eigentlich verrückt, oder?

Sehr viele. Besonders stark zeigt sich meine Handschrift in jenen Bereichen, in denen Stille und Emotion miteinander in Dialog treten. Im Innenhof etwa, wo Licht und Schatten eigene Geschichten erzählen und die Atmosphäre fast meditativ wirkt. Oder im Badehaus, das wie ein Rückzugsort in sich selbst gebaut ist. Es ist ein Raum, der Menschen einlädt, langsamer zu werden, zu reflektieren und ganz in sich zu kehren. Auch die Südtiroler Bergfichte, die wir bewusst als warmes, geerdetes Element eingesetzt haben, trägt viel von meiner Ästhetik: Natürlichkeit, Ruhe, Tiefe. Dazu kommen Stoffe, die man fühlen möchte, Farbwelten, die die Seele entschleunigen, und Kunst, die Räume subtil auflädt und ihnen eine zusätzliche Dimension verleiht. Ich liebe Licht, das nicht einfach beleuchtet, sondern umarmt, und Architektur, die Raum gibt, statt ihn zu dominieren. Meine Handschrift zeigt sich überall dort, wo Intuition, Ästhetik, Natur und Kunst still harmonieren.
Wir wollten einen Ort erschaffen, der wie eine leise Pause vom Leben wirkt, ein Refugium für Menschen, die bewusst in ihr Inneres lauschen möchten, fern vom Rhythmus des Alltags. Adults-only bedeutet für uns nicht Abgrenzung, sondern die Möglichkeit, Ruhe nicht zu unterbrechen, sondern zu zelebrieren. Vielleicht spielte auch meine eigene Erfahrung eine Rolle: Als Mutter von drei Kindern weiss ich, wie wertvoll Momente echter Stille sein können und wie selten sie im Alltag vorkommen. Die Vorstellung, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen diese Ruhe wiederentdecken dürfen, war für mich ein leiser, aber entscheidender Beweggrund.

In meiner Familie, die mich erdet und erfüllt. In der Natur, die mir Weite schenkt. In Bewegung, im Reisen und im Genuss von gutem Essen. Und vor allem in Gesprächen mit Menschen, die neugierig denken, unterschiedliche Disziplinen verbinden und meinen Blick erweitern. Solche Begegnungen sind für mich wie kleine kreative Atemzüge – Momente, in denen neue Energie entsteht.
Heimat ist für mich weniger ein Ort als ein Gefühl. Sie entsteht dort, wo ich mich gesehen und getragen fühle – von Menschen, von der Landschaft, aber auch von mir selbst. Zuhause ist jener Raum, der mich weich werden lässt, mich inspiriert und zugleich schützt. Vielleicht gerade weil ich viel unterwegs war, weiss ich heute: Heimat ist ein Zustand des Ankommens. Und genau dieses Gefühl möchte ich im Sensoria für unsere Gäste erfahrbar machen.
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