Die Einreise in die USA verläuft routiniert und überraschend speditiv: Kurze Zeit später fährt das Uber-Taxi schon Richtung Stadt. Sie wirkt trotz ihrer Bekanntheit und Bedeutung überschaubar, fast intim – zumindest gemessen an amerikanischen Verhältnissen. Seit dem Goldrausch von 1849 ist San Francisco Sehnsuchtsort für Glücksritter, Visionäre und Lebenskünstler. In den 1950er-Jahren entwickelte sich hier die Beat- Generation, später war die Stadt Epizentrum des legendären «Summer of Love» und der Bürgerrechtsbewegungen. Bis heute prägen Offenheit, Nonkonformismus und ein ausgeprägter Sinn für gesellschaftliche Freiheit das lokale Selbstverständnis. Gleichzeitig hat sich rund um das nahe Silicon Valley eine zweite Identität entwickelt: jene des globalen Technologiezentrums, die den Alltag in San Francisco immer stärker mitprägt. Das kann faszinieren, aber auch verstören. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die Welle an Start-up-Millionären und Tech-Neureichen die Wohnpreise in schwindelerregende Höhen steigen liess.

Bunte Hippie-Kultur im Counter Culture Museum. © Jürg Morf

Multikulturelle Quartiere

Wer San Francisco verstehen will, sollte die Quartiere erkunden. Jedes hat seine eigene Geschichte und seine eigenen Lebenswelten. Einer, der die Trouvaillen der Stadt kennt, ist Tourguide Frank Marx. Der Deutsche lebt seit Jahren hier und vermittelt Insiderwissen aus einer persönlichen, manchmal entwaffnend ehrlichen Perspektive. Ein Spaziergang durch Chinatown, der ältesten chinesischen Enklave der USA, wird mit ihm zur kulturellen und kulinarischen Entdeckungsreise zwischen überquellenden Schnickschnack-Läden, Dim-Sum-Restaurants und kleinen Tempelanlagen. Im Castro-Viertel, das seit Jahrzehnten für Diversität und gesellschaftliche Toleranz steht, zeigt er zahlreiche Originalschauplätze zur Entstehungsgeschichte der LGBTQ+-Bewegung.

Mission District ist bekannt für seine bunte Streetart. © Jürg Morf

Der «Mission District» gilt als kreatives Trendquartier mit farbenfroher Streetart und vielen Adressen für authentische Latino-Küche. Der Stadtteil Haight-Ashbury ist bekannt als Ausgangspunkt der Hippie-Kultur, die in den 1960er-Jahren für Aufruhr sorgte. An der berühmten Kreuzung von Haight und Ashbury erzählt das neue Counterculture-Museum von den gesellschaftlichen Umbrüchen dieser Zeit. Mit einer herzlichen Umarmung begrüsst Frank am Eingang Jerry Cimino, den Gründer und Kurator des kleinen Museums. Der Ausstellungsmacher wählte bewusst ein breites Themenspektrum zwischen Beat-Generation, Hippie-Zeit und Bürgerrechtsbewegung. Dazu gehören auch die Anfänge des modernen Feminismus. Psychedelische Konzertplakate, Underground-Zeitungen, Fotografien, politische Erinnerungsstücke und bunte Woodstock-Kleider schaffen ein Ambiente, das ältere Besuchende in Erinnerungen schwelgen lässt.

Die Cable Cars rattern mitten durch Chinatown. © Jürg Morf

Laut ratternd, lautlos gleitend

San Francisco war schon immer beides: Sehnsuchtsort für Nostalgiker und Innovationslabor für Zukunftsvisionen. Auf den Strassen der Stadt könnte dieser Kontrast kaum grösser sein. Sitzt man in einem Strassencafé an einer der drei «Cable Car»-Routen, ist das Rattern und Quietschen von Weitem hörbar. Seit 1873 fahren die historischen Wagen von Stahlseilen gezogen die steilen Hügel hinauf und hinunter. Nur wenige Meter daneben gleiten die autonomen Waymo-Taxis nahezu geräuschlos durch den Verkehr. Sie wirken auf BesucherInnen wie Requisiten aus einem Science-Fiction-Film.

Stadt der Kontraste – selbstfahrendes Taxi (l.) und historischer «Cable Car». © Jürg Morf

Die Robo-Taxis können per App gebucht werden, kurz darauf rollt das Fahrzeug vor. Die Türen entriegeln sich automatisch und schon sitzt man vorne neben dem leeren Fahrersitz oder auf dem Rücksitz. Ein Bildschirm begrüsst den Gast mit Namen und los geht’s – ohne Chauffeur und Smalltalk. Das freie Lenkrad bewegt sich wie von Geisterhand, tatsächlich wird das Auto von enormen Datenmengen gesteuert und führt die Fahrgäste zur gewünschten Zieladresse. Man fühlt sich unterwegs erstaunlich sicher, das Taxi gleitet vorsichtig durch den dichten Verkehr, weicht Baustellen und anderen Hindernissen gekonnt aus. Sieht urbane Mobilität bald auch in der Schweiz so aus? In San Francisco gehören die Waymo-Elektrofahrzeuge seit zwei Jahren zum Strassenbild. Zwischen den ersten Fahrten der «Cable Cars» und den fahrerlosen Robotaxis liegen exakt 151 Jahre – und doch gehören beide zum heutigen San Francisco.

Von Golden Gate bis Dolores

Verschiedene Parkoasen prägen das Stadtbild San Franciscos nachhaltig. Viele Reisende, die zum ersten Mal hier sind, zeigen sich überrascht vom grossflächigen Grün. Der «Golden Gate»-Park etwa zieht sich von der Stadtmitte kilometerweit bis zur Pazifikküste. Er bietet Erholungsräume mit Waldstücken, Seen, Sport- und Kulturstätten sowie ein weitverzweigtes Netz an Spazier- und Velowegen. Ganz in der Nähe liegt auf einer Anhöhe der «Buena Vista»-Park. Mit seinen alten Eukalyptusbäumen wirkt er wie ein verwunschenes Waldstück im urbanen Raum. Überall öffnen sich Lichtungen mit Foto-Hotspots auf die Stadt.

Blick auf den Presidio-Park mit der Golden Gate Bridge. © Jürg Morf

Noch grösser und wilder präsentiert sich der «Presidio»-Park. Das ehemalige Militärgelände an der Zufahrt zur Golden Gate Bridge wurde in eine riesige Naturlandschaft mit Wäldern, Wiesen, Wohngegenden sowie Kultur- und Sportstätten verwandelt. Es ist heute wohl das grösste und spektakulärste Naherholungsgebiet Kaliforniens. Ein grünes Juwel mitten in der Stadt ist auch der «Mission Dolores»-Park. Nirgendwo zeigt sich die entspannte und weltoffene Seele San Franciscos deutlicher, nirgendwo geniesst man eine schönere Aussicht auf die moderne Skyline. Hier trifft sich die Bevölkerung zum Picknicken, Spielen, Plaudern und Verweilen. Konzerte, Streetfood-Festivals und kulturelle Happenings machen den Ort zum lebendigen Schmelztiegel des multikulturellen Mission District.

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