Die Qual der Wahl: Von den 21 Städten des norddeutschen Bundeslandes Niedersachsen fällt es schwer, sich für eine zu entscheiden. Alle haben sie das Potenzial, Lieblingsorte zu werden. Alle Städte – von Braunschweig, Bremerhaven über Göttingen, Hannover, Osnabrück bis hin zu Wolfenbüttel und Wolfsburg – sind individuell, haben aber eines gemeinsam: Sie bieten jede Menge abwechslungsreiche Erlebnisse. Die Wahl für diese Reise-Reportage fiel auf die Stadt Celle, die 67’000 Einwohnende zählt.

Europas höchste Fachwerkdichte

Das dichteste Fachwerkensemble Europas, moderne Bauhaus-Architektur, das Welfenschloss, dazu ein bunter Mix aus Kultur, Gastronomie und Natur – Celle ist eine Stadt der Kontraste und begeistert mit kleinen, charmanten Geschäften auch als Einkaufsstadt. Eine Stadtführung mit Anke Maecker darf sich der Gast keineswegs entgehen lassen: Mit grosser Sachkenntnis, einer stattlichen Portion Humor und in verdaubaren Häppchen vorgetragen, wird der Besuch mit Anke zum Highlight. Von Celle kann man sich in wenigen Tagen ein gutes Bild machen, es ist perfekt für ein verlängertes Wochenende, einen «Stopover» auf dem Weg in den Norden oder auch für einen längeren Ferienaufenthalt. Celle gilt auch als südliches Tor zur benachbarten Lüneburger Heide.

Grösstes in der Region der südlichen Lüneburger Heide: das Celler Schloss. © Francesco Carovillano

Wo Herzöge und Prinzessinnen wohnten

In einem der schönsten Welfenschlösser macht das Residenzmuseum im Celler Schloss Hofgeschichte und -geschichten lebendig. Fast drei Jahrhunderte lang war Celle ständige Residenz der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg und damit Regierungssitz des bedeutendsten welfischen Fürstentums. Spannende Inszenierungen und eine moderne Ausstellungspräsentation lassen die Gäste in den historischen Schlossräumen die Geschichte des Schlosses und seiner Bewohner nachvollziehen – von der mittelalterlichen Burg bis zum Sommersitz der hannoverschen Könige im 19. Jahrhundert.

Den krönenden Abschluss eines Besuches bietet die Celler Schlosskapelle, eines der schönsten Zeugnisse norddeutscher Renaissancekunst.

Geburtsort des Neuen Bauens: Bauhaus-Architektur im «Italienischen Garten». © Stadt Celle

«Neues Bauen» in Celle

Nur wenige wissen, dass Celle quasi ein Geburtsort des «Neuen Bauens» ist und beim Thema Bauhaus-Architektur in der Liga von Weimar und Dessau mitspielt. Otto Haesler (1880–1962) war einer der grossen Baumeister des 20. Jahrhunderts. Er gilt als bedeutender Vertreter des Neuen Bauens in der Weimarer Republik, der vor allem den Wohnungsbau revolutionierte. In den Jahren 1906 bis 1933 arbeitete er als freischaffender Architekt in Celle. Seine Siedlungen und Bauwerke prägen bis heute das Stadtbild. Mit allein drei Siedlungen (italienischer Garten, Georgsgarten und Blumläger Feld) hat Haesler neben weiteren Einzelbauwerken der klassischen Moderne, u. a. der Altstädter Schule, der Direktorenvilla und dem Rektorenwohnhaus, Celle zu einem Zentrum des Neuen Bauens gemacht.

Im ehemaligen Wasch-, Bade- und Heizungsgebäude der 1930/31 erbauten Arbeitersiedlung Blumläger Feld befindet sich seit Ende der 1990er-Jahre das Otto-Haesler-Museum. In dieser «Kleinst-Wohnungssiedlung» werden neben den baulichen auch die sozialen Wohn- und Lebensverhältnisse der ehemaligen Bewohnenden dargestellt, so beispielsweise eine Dreizimmerwohnung aus den 1930er- und eine aus den 1950er-Jahren. Diese Wohnungen galten als die preiswertesten Sozialwohnungen mit einem für damalige Verhältnisse hohen Wohnkomfort.

1930 nach den Plänen des Architekten Otto Haesler erbaut: die Direktorenvilla. © Stadt Celle

«Platzsparend, aber mit allen Raffinessen»

Eine Museumsführung mit dem heute 88-jährigen Rudolf Meyer ist ein Erlebnis der besonderen Art und spannend von der ersten bis zur letzten Minute. Der ehemalige Architekt ist heute ehrenamtlicher Gästeführer und sprüht vor Energie, Schalk und Schlagfertigkeit. Als kleiner Junge hat Rudolf Meyer selbst in der Arbeitersiedlung im Blumläger Feld gelebt. Heute wohnt er in einem schmucken Einfamilienhaus gleich hinter dem Museum. Gern erzählt er Einzelheiten über das Leben und über die Bauten von Otto Haesler und gerät ins Schwärmen: «Haesler hat platzsparend mit allen Raffinessen gearbeitet. Er war ein genialer Architekt und ein Perfektionist.» Dem ist nichts beizufügen; die Bauhaus-Architektur ist zeitlos geblieben.

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