Der Sommer hat seine Schärfe verloren. Über den Lagunen des Po-Deltas liegt am Morgen ein feiner Dunst, das Licht wird weicher und taucht Schilfgürtel, Kanäle und Wasserflächen in warme Goldtöne. Jetzt beginnt die vielleicht schönste Zeit, um den Osten der italienischen Region Emilia-Romagna zu entdecken. Die Temperaturen laden zu ausgedehnten Radtouren ein, Flamingos ziehen in rosa Formationen über den Himmel, und es kehrt jene Ruhe ein, die seit jeher den Charakter dieser Gegend prägt. Das Delta des Po gehört zu den faszinierendsten Natur- und Kulturräumen Italiens. Hier, wo der längste Fluss des Landes nach seinem langen Weg durch die Ebene in die Adria mündet, haben Natur und Mensch eine einzigartige Landschaft geschaffen. Lagunen, Schilfinseln, Sandbänke und Kanäle bilden ein Mosaik aus Lebensräumen, das von der UNESCO geschützt wird und zu den bedeutendsten Vogelparadiesen Europas zählt.

Dieser Landstrich will entschleunigt erlebt werden. Bestens geht das auf zwei Rädern. Das flache Gelände macht das Radfahren zum entspannten Vergnügen. Wege begleiten mal das Wasser, dann wieder schlängeln sie sich durch Pinienwälder im Hinterland. Besonders eindrucksvoll ist der Argine degli Angeli, der «Engelsdamm». Der schmale Radweg führt mitten durch die Lagune. Zu beiden Seiten glitzert das Wasser, in dem Reiher, Kormorane und Flamingos nach Nahrung suchen. Der Blick wandert zwischen Horizont und Wasserflächen, in denen sich Himmel und Wolken spiegeln.

Grossartige Renaissance: Ferraras Innenstadt wurde von der UNESCO geadelt. © In Ferrara

Verwunschene Wasserwelt mit viel Geschichte

Noch intensiver wird die Begegnung mit dem Delta vom Wasser aus. Lautlos gleiten Kanadier durch schmale Wasserarme, vorbei an Schilfinseln, auf denen Wasservögel ungestört sind. Nur der Wind, das Rascheln der Halme und die Rufe der Vögel begleiten die Tour, die zu einem «Casone» führt, einem der Häuser, in denen Fischer in früheren Zeiten wochenlang gemeinsam lebten und arbeiteten, bevor genügend Aal aus der Lagune gefischt und transportbereit in Wasserkäfigen eingepfercht war. Wie verwunschen erscheinen die verlassenen Orte heute. Für alle, die sich lieber schippern lassen, sind Fahrten mit elektrisch betriebenen Booten eine stimmungsvolle Alternative. Besonders in den Abendstunden, wenn die tief stehende Sonne die Lagunen leuchten lässt und Flamingos als schmale Silhouetten über den glühenden Himmel ziehen.

Zentrum dieser Wasserwelt ist Comacchio. Die kleine Stadt erstreckt sich über dreizehn Inseln, wird von Kanälen durchzogen, über die sich pittoreske Brücken spannen. Bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts hinein, ging es in Comacchio äusserst geschäftig zu. Hauptarbeitgeber war die Manifattura die Marinati – die Fischfabrik. Viele Generationen von Männern und Frauen haben hier Aal aus der Lagune zu Konserven verarbeitet, die in alle Teile Italiens ausgeliefert wurden. Heute ist die ehemalige Fabrik ein Museum, das mit Arbeitsgeräten und Dokumentarfilmmaterial den harten Alltag der Menschen von Comacchio in Erinnerung hält. Wer tiefer in die Geschichte des Deltas eintauchen möchte, findet im Museo Delta Antico spannende Einblicke in jene Kulturen, die hier schon vor Jahrtausenden lebten.

Der Vorabend (Anteprima in Comacchio) des Busker Festivals. © Archivio fotografico Comune di Comacchio

Fisch, Risotto und Wein

Ein Tag zwischen Lagunen und Kanälen macht Appetit. Die Küche der Delta-Region verbindet die Schätze des Meeres mit den Erzeugnissen des fruchtbaren Hinterlands. Aal, Muscheln und fangfrischer Fisch stehen ebenso auf den Speisekarten wie cremige Risotti aus den hier angebauten Sorten Carnaroli oder Arborio. Dazu passen die charaktervollen Bosco-Eliceo-Weine, deren Geschichte bis in die Renaissance zurückreicht. Bereits die Herzöge der Familie d’Este legten in dieser Gegend Weingärten an. Bis heute prägen sandige, salzhaltige Böden, die Nähe zum Meer und die feuchten Nebel des Frühherbstes den Charakter dieser roten und weissen Tropfen.

Auch wenn der Sommer langsam ausklingt und die Strände der sieben «Lidi» ruhiger werden, geht es in der Gegend bisweilen sehr gesellig zu. Das Ferrara Buskers Festival ist seit Jahrzehnten ein Publikumsmagnet. Fünf Tage lang verwandeln Strassenmusiker aus aller Welt die Plätze der Provinzhauptstadt in eine grosse Bühne. Am Abend vor dem Festivalstart geben sich viele der angereisten Musikerinnen und Musiker in Comacchio ein Stelldichein. Bei der kostenlosen Anteprima verwandeln sie die Plätze und Kanäle Comacchios in eine stimmungsvolle Open-Air-Bühne. Und das ist ein Fest, das Einheimische und Gäste gleichermassen in seinen Bann zieht.

Argine degli Angeli: einer der schönsten Radwege Italiens. © Po Delta Cinematica

Renaissance auf zwei Rädern

Vom Delta sind es nur rund 40 Kilometer bis nach Ferrara, und wer nach den stillen Landschaften des Deltas in der Provinzhauptstadt ankommt, entdeckt hier eine ganz andere Form der Schönheit – nicht von Wind und Wasser geschaffen, sondern von den grossen Baumeistern und Künstlern der Renaissance. Ferrara war einst die Residenz der Este-Herzöge. Dem Wohlstand ihrer Regierungsepoche sowie der akribischen Planung der Stadterweiterung verdankt Italien heute eine seiner schönsten Renaissance-Altstädte. Seit drei Jahrzehnten zählen Ferraras mittelalterliches Zentrum und sein um 1500 angelegtes Renaissance-Viertel zum UNESCO-Welterbe.

Das mächtige Castello Estense und die eleganten Renaissance-Paläste dominieren das Bild. Zu den architektonischen Glanzstücken zählt der Palazzo dei Diamanti mit seiner markanten Fassade aus Tausenden diamantförmig behauenen Marmorquadern. Das Renaissance-Juwel beherbergt die Pinacoteca Nazionale mit bedeutenden Werken der Ferrareser Malerschule und macht mit zwei hochkarätigen Sonderausstellungen pro Jahr immer wieder international von sich reden. Kunstliebhaberinnen und Kunstliebhaber finden hier einen weiteren guten Grund, ihren Aufenthalt in Ferrara um einen Tag zu verlängern.

Wenn nicht gerade ein Festival gefeiert wird, ist Comacchio ein stilles Pflaster. © R. Maggioni

Auch Ferrara entdeckt man am besten auf dem Fahrrad. Für die Einheimischen ist es seit langer Zeit das selbstverständlichste Fortbewegungsmittel, sei es für den Weg in die Schule, zur Arbeit oder für den Bummel im Herzen der Stadt. Gäste schliessen sich diesem Rhythmus gerne an. Auf dem neun Kilometer langen Mauerring lässt sich die Altstadt entspannt umrunden. Hinter den mächtigen Bastionen liegen Gärten und ausgedehnte Parkanlagen. Die Grünanlagen bergen sogar ein kulinarisches Geheimnis: An den Wurzeln von Eichen, Linden und Silberpappeln gedeihen Trüffel. Darum haben ein paar Hundert Ferraresi eine Trüffelsucher-Lizenz und ziehen in den frühen Morgenstunden mit ihren gut ausgebildeten Hunden auf «Trüffeljagd».

Wer Ferrara und das Po-Delta gemeinsam erlebt, entdeckt weit mehr als zwei attraktive Reiseziele. Zwischen Wasser und Stadt, Natur und Kultur, jahrhundertealter Geschichte und entschleunigter Gegenwart entfaltet sich eine spannende Region – leise, authentisch und voller überraschender Momente.

Was das Po-Delta zu bieten hat: www.podeltatourism.it

Mehr über Ferrara: www.inferrara.it