In der Region Guanacaste, die einen bedeutenden Teil des kulturellen und natürlichen Erbes Costa Ricas beherbergt, trifft Trockenwald auf kilometerlange Küstenlinien. Puderfeine Sandstrände wechseln sich mit brodelnden Vulkanlandschaften ab, sodass sich hier der Strandtag mühelos mit einem Ausflug in das pure Naturabenteuer verbinden lässt – manchmal sogar am selben Nachmittag. Vier Strände zeigen dabei besonders eindrücklich, wie unterschiedlich sich diese Küsten erleben lässt.

Tamarindo: Puls der Küste

Kein Ort in Guanacaste ist so lebendig wie Tamarindo. Schon vor Sonnenaufgang paddeln die Ersten hinaus, wenn das Wasser noch glasklar ist. Die Mündung des Rio Matapalo mit ihren Wellen gilt als eine der verlässlichsten Adressen Costa Ricas für Anfänger wie Fortgeschrittene, entsprechend dicht drängen sich entlang der Uferstrasse Surfschulen und Cafés, in denen der erste Kaffee noch nach salzigem Meerwind schmeckt. Gegen Abend verwandeln sich die Strandbars der Promenade in eine lebhafte Sonnenuntergangsbühne, Live-Musik mischt sich mit dem Rauschen der Brandung.

Doch Tamarindo hat auch eine stillere Seite: Nur wenige Hundert Meter vom Trubel entfernt kriechen zwischen Oktober und Februar meterlange Lederschildkröten aus dem Meer, um ihre Eier abzulegen. Es ist ein archaisches Ritual, während dem nur wenige Meter weiter die romantische Musik der Strandbars ertönt. Genau in diesem Kontrast liegt der eigentliche Reiz des Ortes: halb Lifestylestrand, halb Naturschauspiel – und beides gleichzeitig echt.

Tamarindo – halb Lifestylestrand, halb Naturschauspiel. © AdobeStock / bartsadowski

Playa Conchal: Barfuss auf Millionen Muscheln

Eine halbe Autostunde südlich verändert sich das Bild komplett. Playa Conchal trägt seinen Namen zu Recht: Der Strand besteht nicht aus gewöhnlichem Sand, sondern aus Abermillionen fein zermahlener Muschelschalen, die sich über Jahrtausende zu einem hellen, unter der Sonne fast rosa schimmernden Teppich verdichtet haben. Barfuss läuft es sich hier anders als anderswo: ein leises Knirschen bei jedem Schritt und eine Massage für die Fusssohlen.

Das Wasser fällt vor Conchal ungewöhnlich sanft ab, türkis und ruhig wie in einem geschützten Becken. Schnorchler brauchen kaum mehr als ein paar Flossenschläge, um zwischen kleinen Felsformationen auf bunte Papageifische und Doktorfische zu treffen. Diese Kombination aus spektakulärem Strand und ruhigem Wasser hat ihren Preis: Rund um die Bucht haben sich einige der exklusivsten Resorts der Pazifikküste angesiedelt. Wer dagegen die öffentliche Zufahrt nimmt, findet einen Strand, der trotz seines Rufs erstaunlich unkompliziert bleibt.

In stille Eleganz eintauchen an der Playa Conchal. © AdobeStock / Thomas

Playa Sámara: Bucht der ruhigen Wellen

Wer nach dem Trubel von Tamarindo eine sanftere Gangart sucht, findet sie in Sámara. Ein vorgelagertes Riff bricht hier die grossen Pazifikwellen, bevor sie den Strand erreichen. Das Ergebnis ist eine der wenigen Buchten Guanacastes, in der auch Nichtschwimmer bedenkenlos in das Wasser gleiten und Kinder stundenlang im knietiefen Türkiswasser planschen können. Genau diese Ruhe hat Sámara über Jahre zum bevorzugten Ziel costa-ricanischer Familien gemacht, lange bevor internationale Reiseführer den Ort für sich entdeckten.

Am Nachmittag ziehen Reiter mit ihren Pferden am Wasser entlang, während in den kleinen Restaurants am Strand frisch gefangener Red Snapper über offener Flamme gart und der Duft von Limette und Koriander über den Sand weht. Anders als in den grossen Resort-Gebieten weiter nördlich ist Sámara noch immer vor allem eines: ein arbeitendes Fischerdorf, in dem am Morgen Boote mit dem Fang des Tages anlegen, während sich am selben Ufer bereits die ersten Sonnenschirme öffnen. Diese Mischung aus echtem Dorfleben und Ferienidylle verleiht dem Ort eine Gelassenheit, die man an anderen Küstenabschnitten vergeblich sucht.

Die Playa Sámara strahlt familiäre Gelassenheit aus. © AdobeStock / Allison

Santa Teresa: Sehnsuchtsort am Ende der Strasse

Ganz im Süden der Nicoya-Halbinsel, dort wo die Strasse irgendwann in staubige Piste übergeht, liegt Santa Teresa. Es ist ein Ort, der sich in nur wenigen Jahren vom Geheimtipp für hartgesottene Surfer zu einem der angesagtesten Küstenflecken Mittelamerikas gewandelt hat. Die schlechte Erreichbarkeit, lange Zeit ein Hindernis, ist heute Teil des Mythos: Wer hierherkommt, nimmt bewusst holprige Schotterpisten und eine Fährüberfahrt in Kauf, um am Ende einen der schönsten Küstenstreifen Costa Ricas vorzufinden.

Bei Sonnenuntergang versammelt sich am Strand, was in den Sozialen Medien längst als Postkartenmotiv kursiert: Surfer, die ihre letzten Wellen reiten, während die Sonne blutrot im Pazifik versinkt, dazwischen Barfussläufer mit Kokosnuss in der Hand, und Fotografen, die auf den perfekten Moment warten. Santa Teresa hat sich dabei nie ganz von seinem hippiesken Ursprung gelöst. Zwischen edlen Boutique-Hotels und Ayurveda-Retreats stehen noch immer einfache Surfhütten, in Bio-Cafés werden Smoothie-Bowls neben frisch gepresstem Kokoswasser serviert. Es ist dieser unaufgelöste Widerspruch zwischen Bohème und Boutique-Chic, der Santa Teresa seinen unverwechselbaren Sog verleiht.

Einer der angesagtesten Küstenflecken Mittelamerikas: Santa Teresa. © AdobeStock / ines

Rincon de la Vieja: Abenteuer Im Vulkanschatten

Wer der Küste für einen Tag den Rücken kehrt, wird im Landesinnern reich belohnt. Der «Rincon de la Vieja»-Nationalpark, benannt nach dem gleichnamigen, noch aktiven Vulkan, ist das perfekte Gegenprogramm zum Strandtag. Im Park dampfen und blubbern schwefelhaltige Fumarolen aus dem Boden, kochende Schlammtöpfe ziehen zischend ihre Kreise, und der Geruch von Schwefel liegt unverkennbar in der Luft. Wanderwege führen vorbei an diesen geothermischen Phänomenen bis zu versteckten Wasserfällen, in deren kühlen Becken sich nach der schweisstreibenden Tour herrlich abtauchen lässt.

Die vulkanisch aufgeheizten Schlammbäder, die viele Anbieter rund um den Park offerieren, sind längst zu einem eigenen kleinen Ritual geworden: erst grosszügig «einschlammen», in der Sonne trocknen lassen, anschliessend in warmen, mineralreichen Quellen abspülen. Wer es aktiver mag, saust auf Ziplines durch die Baumkronen des Trockenwalds und erhascht dabei einen Blick auf das gesamte Tal bis zum Pazifik, erkundet die Gegend zu Pferd durch offenes Weideland oder lässt sich beim Canyoning an tosenden Wasserfällen ins nächste Becken abseilen. Über 300 Vogelarten, Kapuzineraffen, Tapire und viele weitere Tiere sind hier zuhause. Wer früh am Morgen mit einem lokalen Guide startet, hat die besten Chancen auf eine Begegnung.

Vulkanische Bäder in Rincon de la Vieja. © AdobeStock / Boivinnicolas

Zwei Welten, eine Reise

Genau in dieser Spannbreite liegt der besondere Reiz Guanacastes: der Trubel von Tamarindo, die stille Eleganz von Conchal, die familiäre Gelassenheit von Sámara und der bohemienhafte Sog von Santa Teresa – vier Strände, vier vollkommen unterschiedliche Facetten derselben Küste. Die meisten Unterkünfte liegen zudem nur eine bis zwei Autostunden von Rincon de la Vieja entfernt, sodass sich ein Vulkantag leicht in jeden Aufenthalt einbauen lässt, ohne das Strandquartier wechseln zu müssen.

Wer Guanacaste bereist, sollte sich bewusst Zeit für beide Seiten der Region nehmen. Denn erst im Wechsel zwischen Salzwasser und Schwefeldampf offenbart sich, weshalb diese Ecke Costa Ricas zu den vielseitigsten Reisezielen Mittelamerikas zählt.

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