Es gibt diese Momente in einem westlichen Leben, in denen die Welt um einen herum ein zerrendes Zuviel ist. Das Geriesel der Geräusche, der Blick auf den Bildschirm, das Warten auf das nächste «Produkt», den Push. In diesen Augenblicken denkt man sich weit weg, an einen Ort, wo alles anders ist, einen Ort der keinerlei Forderungen stellt. Ein Ort, an dem der Atem der Erde und des Menschen zu einem einzigen Puls verschmelzen.

Man kennt es aus Mediationen oder einer Hypnose-Sitzung, wenn die Stimme des Therapeuten sanft darum bittet, sich vorzustellen, man befinde sich an einem Ort der Ruhe, der Geborgenheit und des Friedens. Mit einem tiefen Atemzug, vielleicht geschlossenen Lidern, taucht sie auf: die Vorstellung von diesem Ort flimmert vor dem inneren Auge wie auf einem alten Dia-Projektor, vage, unwirklich. Im Wissen darum, dass es den Südpazifik gibt, stellt sich dieses Bild auf einmal scharf. Und bleibt dennoch: unfassbar.

Magnet der Magie

Zehntausende Kilometer von Europa entfernt erhebt sich dieses Bild aus dem Pazifischen Ozean. Das tiefste aller Meere überhaupt umfasst die Hälfte des Wassers der Erde, ihn zu durchqueren bedeutet, 16’000 Kilometer hinter sich zu lassen. Mehrere zehntausend Inseln sprenkeln das Aquamarinblau, von denen teilweise nicht einmal Ortskundige wissen, was dort, hinter den Horizonten, vor sich geht. In einer Welt, in der scheinbar alles in Windeseile messbar, überprüfbar und nachlesbar geworden ist, und abgetastet erscheint wie eine Schachtel voller Teile eines komplexen Puzzles, vermag gerade das zu faszinieren, was kaum zu entschlüsseln ist. Es ist vermutlich auch dieses Unfassbare, das einen dazu bewegt, solch gewaltige Distanzen zu überwinden.

Die Reise in den Südpazifik, die den halben Globus im Fluge durchmisst, ist lang. Sehr lang. Doch wer kennt es nicht, dieses seltsame Phänomen, dass der erste Hauch des Unbekannten die Müdigkeit hinwegbläst? Dann, wenn man mitten in der Lagune die Füsse vom Schuhwerk befreit und im Meer erfrischt, so klar, dass man seine Zehen sieht. Auf einem hellen Grund, der unberührt ist, und kaum ist er es doch, wieder reingewachsen wird von den Wellen. Unter der Wasseroberfläche entfalten sich Korallenriffe in einer berauschenden Farbenpracht, als hätten die Götter ihre herausragendsten Gemälde versenkt. Doch es wäre schade, fast verwerflich, nur den Kopf ausschliesslich unter Wasser zu halten: Die Südsee ist reich an Kultur, einem Überfluss an Geschichten, die in jedem Lächeln der Menschen liegen, die im Einklang mit der Natur leben – in jedem Lied, das sie auf den Lippen tragen, in jedem Schwingen des Kanuruders, in jeder farbigen Feder, die sie sich besonnen auf das Haupt stecken. Wer hierher reist, sucht nicht nach dem Berechenbaren oder dem Kompromiss, den man ihm im Westen von Kindesbeinen an beigebracht hat.

Franzosisch-Polynesien

Tahiti, das Herz von Französisch-Polynesien mit der Silhouette einer liegenden Acht, erfüllt die klassische Definition von «Paradies», die für manche auch bedeutet, dass es hier französische Croissants zum Frühstück gibt. Es waren zuerst die Abenteuergeschichten der Entdecker wie etwa James Cook, welche das Echo von diesem «Eden» in die Welt trugen, gesponnen aus Seekarten, Sternbildern, Nächten im Nirgendwo und der Verheissung der Unberührtheit, nicht gänzlich ohne Verklärung. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es Piloten, die hier landeten und nimmer abgehoben sind – jedenfalls in Bezug auf ihre Flugzeuge. In ihrem Windschatten strömten Berühmtheiten wie Schauspieler, Künstler und Lords hierher, wie magisch angezogen vom «Mythos», der die Eilande einlullte. Das Geheimnis des Archipels lässt sich jedoch an einem viel abgelegeneren Ort tiefer ergründen: auf den Marquesas, 1600 Kilometer nordöstlich von Tahiti.

Geerdete Gastfreundschaft

Auf der Gruppe aus vierzehn Inseln südlich des Äquators, auch «Te henua ’Enata – Land der Menschen» genannt, klammert sich dunkelgrünes Dschungeldickicht an die schroffen Felsen, vielmehr noch, es krallt sich daran fest als wäre es entschlossen, keinen Zentimeter preiszugeben. Ein Anblick der das klischeehafte Südseebild kurzerhand zu sprengen vermag. Wen es, getrieben vom Sehnsuchtsgedanken, hierher verschlagen hat, «verkroch» sich buchstäblich im Busch – und fand sich zwischen Farnen und bemoosten Basaltbrocken in mystischen Stätten wieder, etwa mit steinernen Tiki-Statuen. Hier tut sich eine ungeahnte, unermessliche Freiluft-Schatzkammer auf, die seit 2024 von der UNESCO als Weltkulturerbe gewürdigt ist.

Alles andere als «versteinert» sind die Einheimischen, welche Ankömmlinge mit dem Herzen voran empfangen. Weniger bescheiden als ihre naturverbundene Lebensweise wirken im «Auge der anderen» die Tattoos, die ihre Körper schmücken, aber nicht allein der Zierde willen. Was die traditionellen Schnitzereien im Holz sind, sind die Zeichnungen auf der Haut: «Tatau» – bedeutungsvolle Symbole, frei von Zufällen oder Modeströmungen. Die scharfen Linien und Muster spannen sich wie ornamentale Fährten über die Haut; wer sie zu lesen vermag, erfährt von Biografien, Ahnen, Erzählungen und Energien.

Verbindende Distanz

Darüber hinaus sind «Tatau» porentiefe Zeichen der Zugehörigkeit: Durch die Symbole können sich Südseevölker identifizieren – ohnehin empfinden sie einander als tief zugehörig, selbst wenn sie sengende Schiffstage voneinander entfernt leben, sind sie sich vertrauter als Menschen in hiesigen Städten, die per Schnellzug vernetzt sind.

Räumliche Distanz wirkt hier nicht trennend, sondern einend. Die Linien auf den Landkarten haben nicht sie gezogen, sie fühlen sich untereinander verbunden – über Herzen und Seelen, jenseits von territorialen Grenzen. Dieses Gefühl für Verbundenheit gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für die Natur, denn die Menschen begreifen sich als mit ihr verwurzelt, sie leben rhythmisch mit und von ihr. Wobei sie darunter verstehen, die Natur zu verwalten, anstatt sie zu bewirtschaften. Das Miteinandersein steht über dem Haben.

«Herz und Seele» – in der Sprache der Fijianer «Uto Ni Yalo» – so haben Kapitän Seitareki und seine Crew ihren dreizehn Tonnen schweren Katamaran getauft, der sanft über glasklares Meeresblau gleitet.

Fiji

Erbaut nach altem, polynesischem Wissen und mit modernsten Materialien wie Karbon und Polyester ist der Katamaran seit über zehn Jahren im Südpazifik unterwegs. Mehr als 80’000 Seemeilen hat er bereits ohne jegliche modernen Navigationshilfen zurückgelegt. Nur Wolken, Wind, Wellenmuster, Düfte, Vogelzug und Sterne weisen Setareki und seine Mannschaft zuverlässig durch blaue Weiten. Als einer von pazifikweit nur sieben Seefahrern beherrscht er die seltene Kunst der traditionellen Navigation. Seine Beziehung zum ozeanischen Universum ist weit mehr als porentief, sie ist mit Leidenschaft gelebte Botschaft: Schutz der Meere, Erhalt der reichen und tief verwurzelten Tradition, Finden von Navigationslösungen im Einklang mit der Natur und ihrer Weisheit. Die Universität von Fiji begleitet Inhalte, Erfahrungen und Ziele im Rahmen ihrer maritimen Forschung. Gäste können mit an Bord dabei sein (via Pacific Society), und unter wehender Flagge das Archipel Fiji erkunden, während das Sternzeichen «Kreuz des Südens» funkelnd am fernen Firmament versinkt und Tag und Traum zerfliessen.

«Bula» – wie ein breites Lachen

Bei über 40’000 Eilanden, welche wie hingetupft wirken, gleichen sich natürlich manche. Anders Fiji mit seinen über dreihundert Inselgärten. Ein Wort aus vier Buchstaben, das klingt, als hätte es jemand kreiert, um «Fernweh» in einem Atemzug auszudrücken.

In einem Moiré aus vulkanischen Bergen, dichten Regenwäldern und perlmuttweissen Stränden begegnet man einem Vielvölkergemisch – ein friedliches Miteinander von Melanesiern, Indern, Polynesiern und Chinesen. Über allem schwebt der «Bula Spirit», der seelenvolle, heitere Geist von Herzlichkeit und Lebensfreude. Vermutlich an keinen anderen Fleck der Erde erklingen so oft Gesänge wie auf Fiji. «Kummer, Sorgen und Unglück, die uns frühzeitig alt machen, scheinen diesem glücklichen Volke gänzlich unbekannt zu sein». Blickt man in die lachenden Gesichter, beginnt man zu verstehen, was Georg Forster, Naturforscher und Ethnologe des 18. Jahrhunderts, zu diesem Zitat bewog. Wer Zeremonien, Ritualen und feurigen Tänzen beiwohnt, die nicht der Show dienen, sondern gelebter Ausdruck von Spiritualität sind, merkt, dass die Welt, die man für die einzige hielt, eher eine schnelllebige Version einer sehr viel gelasseneren ist.

Es kann sein, dass man auf seiner Reise in Fiji langsamer vorankommt als geplant, vor lauter Menschen, die einen begrüssen wollen. Wer nach all den Begegnungen, einem immer beherzteren «Boo-lah!» auf den Lippen und im bunten Blütenrausch glaubt, dem Geheimnis der Südsee allmählich auf der Spur zu sein, kann diesen Gedanken etwa so schnell verwerfen, wie die Brandung eine Muschel davonspült. Denn es warten noch entlegenere Winkel.

Papua-Neuguinea

Allein auf Papua-Neuguinea, mit fast 800’000 Quadratkilometern die zweitgrösste Insel der Welt, leben rund tausend verschiedene Stämme. Rund vier Millionen Menschen sprechen dort über 800 in sich völlig verschieden Sprachen, also etwa ein Fünftel aller Weltsprachen. Global betrachten gilt Melanesien als eine der reichhaltigsten Kulturschätze der Erde. Je weiter man also in die Weite (oder ist eher eine Dichte?) dieser Südseeinseln vordringt, desto ferner ist man dem, was man bisher als «Zivilisation» zu definieren meinte. Man findet sich in einer Utopie wieder, die paradoxerweise unverfälschter kaum sein könnte. Wie ausgefranste Segel, die sich noch nicht dem Sturm der Zeit gebeugt haben, leben Menschen hier in einem eigenen Kosmos, frei vom «Diktat der Globalisierung». Der Wind trägt keine Uhr, die Wellen fragen nicht danach, wie sich die Dauer des Lebens verlängern lässt.

Magisches Weltverständnis

Morgens ist es still, Frauen rufen nach ihren Kindern, die mit dem Floss umherpaddeln, Fischer halten einen Schwatz, untermalt von Vogelgezwitscher. Die Geräuschkulisse wandelt sich, sobald der tropische Regenwald, einer der grössten und artenreichsten der Welt, die Sonne in seinen saftiggrünen Schoss bettet. Die Einheimischen schlafen auf Matten, wobei schlafen wenig zutreffend ist: Alsbald wird die sternenklare Nacht zum Tag, Stimmengewirr in allen Tonlagen schlängelt sich durch das Immergrün. Wer still ist, lauscht vermutlich dem Vogelgesang, den er zu deuten weiss. Magie legt sich wie ein metaphysischer Mantel über die Gemeinschaft: Trommeln antworten auf Trommeln, behutsam bemalte Gesichter leuchten im flackernden Feuerschein auf, Kopfschmuck aus Paradiesvogelfedern und menschlichem Haar wippen im Takt des Tanzes, der nur wenige magische Minuten dauert. Die Menschen, deren Lebensweisheit auf dem achtsamen Umgang mit der Natur und dem Selbst beruht, bereiten sich sieben, acht Stunden auf das Ritual vor. Was für fremde Ohren klingt wie ein Lied, ist in dieser Wirklichkeit ein Zwiegespräch mit Ahnen, die ihre menschliche Gestalt hinter sich gelassen haben.

Vielleicht liegt die Verlockung dieser fernen (Lebens-) Welt gerade darin, dass der «Planet Sehnsucht» Herzen erobert, ohne jemals die Absicht dazu gehabt zu haben. Mit jedem Tanzschritt, jeder Melodie, jeder Welle entlockt dieser einem ein kleines Stück mehr von sich selbst. So, dass der innere Ort schliesslich auch im Äusseren existiert: Hypnotisch, doch bei einem Bewusstsein, voller denn je.

Die Bilder in diesem Artikel wurden freundlicherweise von Hansjörg Hinrichs / Pacific Society zur Verfügung gestellt.