Weinselig zwischen den Seen
Um kein anderes Getränk ranken sich so viele Mythen wie um den Wein. Man könnte eine Kulturgeschichte darüber schreiben. Oder ihn einfach trinken – am besten im Waadtland.

Um kein anderes Getränk ranken sich so viele Mythen wie um den Wein. Man könnte eine Kulturgeschichte darüber schreiben. Oder ihn einfach trinken – am besten im Waadtland.

Eines gleich vorweg: Hier geht es um Genuss. Denn niemand braucht Wein zum Leben. Seinen Proteingehalt kann man vergessen. Ballaststoffe – Fehlanzeige. Der Gesundheitstrend der letzten Jahre macht dem Weinabsatz ganz schön zu schaffen. Einbrüche von neun Prozent weltweit allein beim Rotwein. Ist das eine schlechte Nachricht für den Schweizer Wein? Ja und nein. Ja, weil es schwieriger wird, Wein zu bewerben. Nein, weil hierzulande der Marktanteil der Schweizer Weine sogar um zwei Prozent zugelegt hat: laut Bundesamt für Statistik auf 37,5 Prozent. «Back to the roots», zurück zu den Wurzeln der Weinreben in diesem Fall, scheint also ebenso ein Trend zu sein. Und wer genau das sucht: Innovation, die Kombination von Lokalem und Genuss, von romantischer Landschaft und feinem Wein – der ist im Kanton Waadt richtig. Für ein Wochenende oder gerne auch länger.
In den Weinbergen zwischen Neuenburger- und Genfersee und dem Fuss der Jurakette liegen 26 Prozent der Gesamtrebfläche der Schweiz. 449 Produzenten stellen hier zu 65 Prozent Weisswein her – der bekannteste davon ist der Chasselas – und versuchen, aus den 79 Rebsorten das Beste herauszuholen, aus Weintrauben nicht nur irgendetwas zum Trinken zu machen, sondern ein Mysterium. Denn um kein Getränk der Welt ranken sich wie die Reben am Stock so viel Geheimnis, Geschichte und Kultur wie um den Wein. Hätte jemals jemand über die perfekte Farbe einer Cola gefachsimpelt? Latte Macchiato nach Nase und Abgang hin analysiert? Niemand. Beim Wein ist das anders. Seit alters her.

Schon mesopotamische Wandmalereien aus dem 15. Jh. v. Chr. zeigen Männer beim Keltern. Noah soll nach der Sintflut verständlicherweise die Nase von Wasser voll gehabt haben. Stattdessen genehmigte er sich erstmal ein Gläschen Wein und liess sich anschliessend auch gleich als Weinbauer nieder. Griechen und Römer hatten jeweils einen eigenen Gott des Weines. Cäsar befahl seinen Truppen, überall, wo sie Eroberungen machten, Reben anzupflanzen und immer genügend Wein mit sich zu führen. Zum Trinken und zum Wunden desinfizieren. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war Wein gleichermassen Genusswie Heilmittel. Kurz: Man kann eine Kulturgeschichte des Weins schreiben – oder ihn einfach trinken. Und falls man einige Flaschen davon mit nach Hause nehmen möchte, ist es klug, ihn zuvor zu degustieren.

Wie man das am besten macht, weiss Rodrigo Banto. Der chilenische Argrar-Ingenieur und Önologe arbeitet bei der «Cave de la Côte» in Tolochenaz, eine der bedeutendsten Kellereien der Schweiz und die grösste Weinbaugenossenschaft des Waadtlandes. Rodrigo Banto muss es also wissen: «Das Wichtigste beim Degustieren ist, seinem Bauchgefühl zu vertrauen», sagt er. Ein paar Tipps zum Test hat er dennoch: Kein Parfüm tragen, das beeinträchtigt die Wahrnehmung des Wein-Bouquets. Als Anfänger höchstens acht Weine hintereinander testen. Zwischendurch Brot essen. Am besten kurz vor dem Mittag degustieren, da sind alle Sinne geschärft, weil man ein bisschen hungrig ist. Wein schwenken, damit die Moleküle freigesetzt werden. Riechen. Wieder schwenken. Wieder riechen. Schluck trinken. Geniessen. Und was, wenn man weder Aprikose in der Nase noch Torf im Abgang entdeckt? «Egal», lacht der Önologe «Das alles sind ja nur Analogien für Moleküle. Assoziationen, die man hat – oder eben nicht. Nur Mut.»

Später am Tag wird die «Cave de la Cote» mit Rodrigo Banto bei der «Selection des Vins Vadois» gleich mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Als eine der Grossen für Grossartiges. Doch auch die Kleinen bieten grosse Weine. Und neue Ideen. Einer davon Johann Parmelin. Die «Domaine La Capitaine» seiner Familie erhält für den «Johanniter 2024» den Preis als bester Biowein. «Man muss auch im traditionsbewussten Weingeschäft neue Wege gehen», findet der 28-jährige Weinbauer in 9. Generation. «Mein Vater hat erstmals hochkarätigen Biowein angeboten – und das in blauen Flaschen! Ich versuche jetzt mit meinen Ideen die junge Generation anzusprechen.» Grüne Flaschen mit einem Schildchen mit Schloss drauf? Schätzen weder Johann noch sein Vater Reynald Parmelin. Ein Erlebnis mit gutem Wein dagegen schon. Deshalb bietet seine Familie oberhalb von Gland auf dem Gut Wein-Abende mit Musik an, donnerstags auch mit DJ. «Schöne Momente zu haben mit Wein, darum geht es doch.»

Schöne Momente kann man im Waadtland natürlich auch ohne Wein haben. Etwa, indem man das Château de Morges mit seinen fünf Museen oberhalb des romantischen Winzerstädtchens besichtigt (Übernachtungstipp: «La Couronne»). Oder man wandert zum Wasserfall «Tine de Conflens», besucht die Ölmühle von Sévery, geniesst Carpaccio von Jakobsmuscheln im Labyrinth-Garten des Hotels und Restaurants «Le petit Manoir» oder folgt in Tolochenaz den Spuren von Audrey Hepburn: Da nämlich steht ihr ehemaliges Wohnhaus, gibt es eine Dauerausstellung – und ihr Grab. Ein Must für «Breakfast at Tiffany’s»-Fans. Wer mag, kann auch einfach am Genfersee entlangschlendern oder mit dem Velo durch die Weinberge radeln. Und sich anschliessend bei einem kühlen Glas Weisswein ausruhen. Ist das gesund? Wer weiss. Ganz sicher aber ist es: ein Genussmoment.
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