Wer zum ersten Mal die weiten Trockentäler Kappadokiens betritt, erlebt einen Landschaftsraum, der fast wie eine Kulisse aus einem Traum wirkt: Feenkamine ragen steil in den Himmel, sanfte Hänge gehen abrupt in nadelartige Tufftürmchen über, und über allem liegt ein stilles, beinahe mystisches Licht. Diese Formen sind das Werk einer uralten geologischen Geschichte. Vor Jahrmillionen schleuderten Vulkane ihre Aschen über das Land, die sich zu mächtigen Schichten aus weichem Tuff verdichteten. Wind, Wasser und extreme Temperaturwechsel formten daraus im Laufe der Zeit eine Topografie, die bis heute einzigartig ist. Sie inspirierte die frühen Christen ab dem 4. Jahrhundert zu einer architektonischen Leistung, die ihresgleichen sucht.

Die Siedlungen von Göreme entstanden aus Notwendigkeit und Glauben zugleich: In einer Zeit politischer Unsicherheit und religiöser Spannungen suchten christliche Gruppen Schutz in Höhlen und Felsnischen, die sie zu Wohnräumen, Lagern und Gotteshäusern erweiterten. Die kreative Nutzung der turm-, säulen- und nischenartigen Formationen führte zu einer regelrechten Felsarchitektur, deren Vielfalt noch heute verblüfft. Mehr als tausend solcher Anlagen wurden im Verlauf von Jahrhunderten geschaffen, sogenannte Negativarchitektur, bei der nicht gebaut, sondern herausgemeisselt wurde.

In Göreme haben viele Fresken ihre Farben unverfälscht bewahrt. © Konstantin / AdobeStock

Labyrinthe als Lebensraum

Viele dieser Räume dienten späteren Generationen als Refugien vor arabischen und persischen Verfolgungen. Das Höhlennetz wurde bis ins 12. Jahrhundert hinein weiter ausgebaut. Besonders eindrücklich sind die unterirdischen Städte Kaymakli und Derinkuyu, die wie weit verzweigte Labyrinthe tief unter der Erde liegen. Derinkuyu reicht bis 60 Meter in die Tiefe und umfasst 8 Etagen – ein Meisterwerk frühmittelalterlicher Ingenieurskunst. Schmale Belüftungsschächte, gut versteckte Eingänge und rollbare Verschlusssteine zeigen, wie durchdacht dieses System war. Theoretisch bot die Anlage Platz für bis zu 10’000 Menschen, auch wenn unklar ist, ob je so viele gleichzeitig hier lebten.

Oberirdisch konzentriert sich der Besucherstrom auf die Felskirchen, deren bis heute erhaltene Fresken die Geschichte der byzantinischen Kunst über Jahrhunderte hinweg dokumentieren. Besonders nach dem Bilderstreit im 8. Jahrhundert erlebte die Region eine kulturelle Blütephase: Im 10. Jahrhundert entstanden hier umfangreiche Bildzyklen, die zu den schönsten Beispielen der östlichen Kirchenmalerei zählen. Die Dunkelheit vieler Innenräume hat die Farben nahezu unverfälscht bewahrt.

Zu den Höhepunkten zählen die Tokali-Kirche, deren 5,3 × 10,3 Meter grosser Raum mit intensiven Blau- und Rottönen überrascht; die dreischiffige Durmus-Kirche, die in ihrer Anlage einer vollwertigen Basilika gleicht; sowie die kreuzförmige El-Nazar-Kirche, versteckt in einer steilen Felsspalte. Besonders eindrucksvoll ist die Karanlik-Kirche (die «Dunkle Kirche»), deren Fresken wegen der jahrhundertelangen Lichtarmut in bemerkenswerter Qualität erhalten geblieben sind.

Nachdem 1924 die letzten Bewohner, teilweise unter Zwang, ihre Heimat verlassen hatten, verfielen viele Anlagen zunächst. Erst ab den 1950er-Jahren begannen systematische Ausgrabungen und Restaurierungen, die bis heute fortgeführt werden. Dank dieser Arbeit und der Erhebung des Gebiets zum Nationalpark wird die Felslandschaft heute sowohl als Natur- wie auch als Kulturerbe sorgfältig geschützt.

Rynek Główny in Krakau, überragt von der Marienkirche. © dendidenko / AdobeStock

Polens mittelalterliche Krone

Krakau ist eine jener Städte, die man besucht und sofort das Gefühl hat, sich in einem grossen Geschichtsbuch zu bewegen. Ihre Altstadt, eine der besterhaltenen in Europa, vereint Pracht, Wissenschaft, Handel und Tragik in einer einzigen urbanen Komposition. Und doch wirkt Krakau nicht museal: Es ist eine Stadt voller Stimmen, Gastronomie, Kultur und Studierendenleben.

Bereits im 10. Jahrhundert lobte ein jüdischer Kaufmann aus Córdoba Krakau als bedeutenden Handelsplatz. 1038 wurde die Stadt zur polnischen Hauptstadt und entwickelte sich bald zu einem geistigen Zentrum. Die Gründung der Universität Krakau 1364, eine der ältesten Universitäten Europas, begründete eine Tradition von Gelehrsamkeit, die bis heute fortlebt. Der Tatarenangriff von 1241 zerstörte weite Teile der Stadt, doch der anschliessende Neuaufbau brachte über die Jahrzehnte eine klar strukturierte mittelalterliche Stadtanlage hervor.

Im Zentrum liegt der Rynek Główny, ein grosser, quadratischer Platz von 200 × 200 Metern. Er gilt bis heute als einer der eindrücklichsten historischen Marktplätze Europas. In seiner Mitte befindet sich die Tuchhalle, ein Renaissancebau von 1555, der früher Umschlagplatz für Tücher, Gewürze und Seide war und heute Kunsthandwerk und kleine Galerien beherbergt.

Überragt wird der Platz von der Marienkirche, deren ungleich hohe Türme charakteristisch für Krakaus Silhouette sind. Jede Stunde ertönt vom höheren Turm das traditionelle Hejnał – das Trompetensignal, das abrupt endet und an den Trompeter erinnert, der im 13. Jahrhundert während eines Angriffs getroffen wurde. Im Innern beeindruckt der monumentale Hochaltar von Veit Stoss (11 × 13 Meter), dessen geschnitzte Figuren eine ausdrucksstarke Tiefe besitzen.

Das Salzbergwerk Wieliczka. © eunikas / AdobeStock

Symbole nationaler Identität

Nicht weniger bedeutend ist die Wawel-Kathedrale, geweiht im Jahr 1359. Sie diente über Jahrhunderte als Krönungskirche und Grablege der polnischen Könige und ist bis heute ein Symbol nationaler Identität. In ihren Krypten ruhen Könige, Bischöfe und weitere nationale Persönlichkeiten, darunter Tadeusz Kosciuszko, der 1794 einen Aufstand gegen die zweite Teilung Polens anführte. Ein weiterer bedeutender Ort ist Kazimierz, das historische jüdische Viertel Krakaus. Ab dem 14. Jahrhundert entwickelte sich hier ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit und Kultur. Die dortige Alte Synagoge und die vielen engen Gassen zeugen von einer reichen Tradition, die im 20. Jahrhundert nahezu ausgelöscht wurde. 1939 war jeder vierte Einwohner Krakaus jüdisch – ein Anteil, der zeigt, wie eng die Geschichte der Stadt mit der jüdischen Kultur verwoben ist.

In der Umgebung befinden sich drei weitere Welterbestätten, die mit Krakaus Geschichte eng verbunden sind: das berühmte Salzbergwerk Wieliczka, das sich über Hunderte von Kilometern erstreckt; die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, eines der stärksten Mahnmale der Menschheitsgeschichte; sowie der barocke Kalvarienberg Zebrzydowska, ein bedeutender Ort der europäischen Pilgertradition. Krakau ist damit nicht nur eine Stadt der Architektur, sondern auch eine Stadt der Erinnerungen.

Die königliche Saline von Arc-et-Senans im französischen Jura. © Lotharingia / AdobeStock

Die visionäre Saline von Arc-et-Senans

In den weiten Landschaften des französischen Jura liegt ein Bauwerk, das zugleich Fabrik, Idealentwurf und Monument der Aufklärung ist: die königliche Saline von Arc-et-Senans. Erbaut zwischen 1775 und 1779, gilt sie als eines der avantgardistischsten Industrieprojekte des 18. Jahrhunderts – ein Versuch, Ordnung, Vernunft und Fortschrittsglauben architektonisch zu fassen. Der Architekt Claude-Nicolas Ledoux, beeinflusst von Jacques-Ange Gabriel, erhielt von König Ludwig XVI. den Auftrag, eine moderne Saline zu konzipieren. Salz war zu jener Zeit ein hochbesteuertes, strategisch wichtiges Gut. Ledoux jedoch entwarf nicht nur eine Produktionsstätte, sondern die Vision einer Idealstadt der Arbeit: die «Ville de Chaux». Diese sollte vollständig kreisförmig angelegt sein, mit der Saline im Zentrum als Herzstück. Aus finanziellen Gründen entstand schliesslich nur der halbkreisförmige Kern.

Von Salz und Symbolik

Das zentrale Element des Ensembles ist das mächtige Direktionsgebäude, ein quadratischer Bau mit integrierter Kapelle. Die sechs markanten Kolonnaden aus kubischen und zylindrischen Säulentrommeln verleihen dem Bau eine fast sakrale Strenge. Der dorische Portikus erinnert an antike Tempel und signalisiert Autorität – eine bewusste Entscheidung, um der Industriearbeit ein repräsentatives Gesicht zu geben. Rechts und links schliessen sich zwei grosse Salzlager an, deren schwere Mansarddächer die Bedeutung der Salzproduktion betonen. Weitere Werkstätten und Wohnbauten folgen der strengen Halbkreisordnung. So entsteht ein Komplex, der einerseits an eine Festung erinnert, andererseits an eine idealisierte, rationalisierte Welt, wie sie die Aufklärung propagierte.

Heute beherbergt die Saline ein Hotel, Restaurant und Ausstellungen. © Sen / AdobeStock

Dekorative Elemente wie steinerne Urnen, aus denen die Sole symbolisch zu fliessen scheint, setzen subtile Akzente und brechen die strenge Symmetrie leicht auf. Sichtachsen sorgen dafür, dass Besuchende die Anlage nicht nur betreten, sondern als Gesamtraum erleben. 1895 wurde die Salzproduktion eingestellt, wirtschaftlich hatte die Anlage niemals richtig rentiert. Doch gerade ihre Unzeitgemässheit macht ihr Erbe so wertvoll: Sie zeigt, wie Architektur zu einem Gedankengebäude werden kann, das weit über die praktische Nutzung hinausreicht. Heute dient die Saline als Museum sowie Kulturstätte und zählt zum UNESCO-Welterbe, als Ort, an dem man die Utopien des 18. Jahrhunderts noch immer förmlich spürt.

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