Die Kunst des aufmerksamen Sehens
Auf den Spuren eines wenig sichtbaren Venedigs offenbaren die Werke Carlo Scarpas jene einzigartige Handschrift, mit der er Wasser, Licht und Material in poetische Modernität verwandelte.

Auf den Spuren eines wenig sichtbaren Venedigs offenbaren die Werke Carlo Scarpas jene einzigartige Handschrift, mit der er Wasser, Licht und Material in poetische Modernität verwandelte.

Es existiert ein Venedig, das auf gängigen Stadtplänen nicht verzeichnet ist. Ein Venedig, das in Stille, klaren Linien und feinen Übergängen lebt, in Wasserläufen, die zwischen Stein und Glas glitzern, und in Details, die eine im 20. Jahrhundert einzigartige Sensibilität offenbaren. Dieses Venedig gehört Carlo Scarpa, dem Architekten und Handwerker, der die traditionelle Formsprache der Lagunenstadt in eine überraschend zeitgenössische Ausdrucksweise überführte. Wer die Stadt durch seine Arbeiten erkundet, entdeckt eine tiefere, oft übersehene Ebene venezianischer Identität – eine Dimension, die dem schnellen Blick leicht entgleitet.
«Ein Mann aus Byzanz, der nach Venedig gelangte, indem er durch Griechenland kam.» Diese selbstgewählte Inschrift auf seinem Grab fasst Scarpas Geist perfekt. Obwohl er in Venedig geboren wurde und sein Leben dort verbrachte, nährte er sein Denken aus vielfältigen Quellen: von Frank Lloyd Wrights Architektur bis zur japanischen Ästhetik, die sein Werk nachhaltig prägte. 1906 in Venedig geboren, durchmass er die Stadt über sechs Jahrzehnte hinweg mit beinahe meditativer Aufmerksamkeit. Ohne formalen Architektentitel – sein Studium schloss er nie ab – zählt er dennoch zu den einflussreichsten Gestaltern des Jahrhunderts. Er lehrte an der Architektur-Universität Venedigs (IUAV) und hinterliess eine Reihe von Projekten, die bis heute zu den klügsten Schlüsseln gehören, um die moderne Lesart Venedigs zu verstehen.
Scarpas Schaffen bildet eine Brücke zwischen Okzident und Orient: japanische Klarheit, die Kunst präziser Verbindungen und der Respekt vor Zeit und Material verbinden sich mit der venezianischen Tradition von Wasser, Schattenspiel und Glas. Japan spielte eine zentrale Rolle in seiner gestalterischen Welt: klare Linien, Wegführungen, Wasserflächen, das Zusammenspiel von Leere und Fülle.

Besonders das Element Wasser, die Grundsubstanz Venedigs, übte eine grosse Anziehung auf ihn aus. 1961 schrieb er, wie «wunderbar» es sei, mit Wasser zu arbeiten: «es zurückzuhalten, zu lenken und es als leuchtendes, reflektierendes Material zu nutzen.» Ob Wasser, Beton oder Glas – Scarpa, der zwischen 1932 und 1946 künstlerischer Leiter bei Venini war, inszenierte stets ein Gespräch zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem. Er kombinierte traditionelle venezianische Materialien und Handwerkstechniken mit innovativen Lösungen. Jede Ecke aus Teakholz, jedes Messinggeländer, jede Platte aus istrischem Stein zeugt von sorgfältiger, fast forschender Gestaltung. Lange Zeit übersah ein breites Publikum seine venezianischen Eingriffe, geblendet von den monumentalen Prachtbauten der Stadt. Doch Scarpas Werk ist ein essenzieller Teil des urbanen Gefüges: Durch das Studium, die Öffnung und die Reinterpretation bestehender Strukturen legte er modernistische Möglichkeiten offen, die in historischen Gebäuden oftmals verborgen waren.
Sein Weg durch die Stadt beginnt fast selbstverständlich in der Fondazione Querini Stampalia. In den 1960er-Jahren gestaltete Scarpa das Erdgeschoss neu und gab ihm seine Beziehung zum Hochwasser zurück. Wasser ist hier kein störendes Element mehr, sondern ein Protagonist. Die Gezeiten fliessen durch präzise geführte Rinnen aus poliertem Stein, feine Brücken lenken den Besucher durch den Raum, und ein kleiner Garten entfaltet sich als kunstvoll komponiertes Universum. Jedes Detail wie Schwellen, Rahmen oder Böden erzählt von einer Haltung des respektvollen Hörens gegenüber der Stadt und ihrer empfindlichen Schönheit.
Ebenso herausragend, jedoch versteckter, präsentiert sich das Olivetti-Geschäft am Markusplatz. 1957 von Adriano Olivetti in Auftrag gegeben, ist dieses kleine Juwel ein Manifest italienischer Moderne: wenige Quadratmeter, die wie eine Bühne aus Licht wirken. Der Mosaikboden, die freischwebende Treppe, die verschiebbaren Paneele zeigen Architektur als Instrument der Wahrnehmung. Dies ist kein Raum, den man achtlos durchschreitet – er lädt dazu ein, den subtilen Gesten des Entwurfs nachzuspüren. In den Giardini della Biennale begegnet Scarpa erneut der Natur und dem Wasser. Der Skulpturengarten aus den 1950er-Jahren vereint Kunstwerke, Wasseroberflächen und feine architektonische Setzungen. Dort wird spürbar, wie Scarpa die Landschaft nicht als blossen Hintergrund versteht, sondern als lebendiges Material. Auch die Anhebung des Italien-Pavillons in den 1970er-Jahren zeigt, wie er Bestehendes respektvoll erweitert durch Licht, Transparenz und präzise Eingriffe.

Um Scarpa wirklich zu verstehen, führt der Weg jedoch hinaus aus der Lagune. Rund eine Stunde von Venedig entfernt, in Altivole, erhebt sich die Tomba Brion – sein unbestrittenes Meisterwerk. Dieser aussergewöhnliche Komplex sprengt die Grenzen zwischen Architektur, Landschaft und spiritueller Reflexion. Im Auftrag der Gründerfamilie von Brionvega entstanden, entfaltet sich hier ein weltlicher Tempel, in dem Beton, Wasser, Vegetation und Geometrie einen meditativen Weg bilden. Das berühmte Symbol der Vesica Piscis, zwei sich überschneidende Kreise, steht für die Harmonie zwischen unterschiedlichen Welten. Scarpa wählte diesen Ort als seine letzte Ruhestätte; fast so, als wolle er selbst Teil jenes Werkes werden, das er als sein Vermächtnis betrachtete.
Die Reise endet in Possagno, in der Gipsoteca Canoviana. In den 1950er-Jahren entwarf Scarpa die Erweiterung jener Räume, die den Skulpturen Antonio Canovas gewidmet sind. Hier entsteht ein Dialog aus Licht und Material, in dem die Reinheit der Gipsmodelle auf moderne Architekturelemente trifft. Architektur wird zum Medium der Kontemplation; das natürliche Licht wirkt wie eine stille Hommage an die Kunstwerke.
Scarpas Venedig zu erkunden bedeutet weit mehr als einen architektonischen Rundgang zu machen. Es ist eine kulturelle Erfahrung, die dazu einlädt, das Tempo zu drosseln und die Umgebung bewusst wahrzunehmen. Scarpa drängt seine Handschrift nie auf. Vielmehr lässt er sie in Übergängen, Schwellen und Details sichtbar werden, die dem gewohnten Blick oft entgehen. Seine Werke sind keine Monumente, sondern Instrumente, um die Stadt neu zu sehen. In einer Zeit, in der Venedig häufig als fragil, überlaufen und vom Tourismus bedrängt gilt, öffnet Scarpas Erbe einen anderen Blickwinkel: Er zeigt die Stadt als lebendiges Wesen, das man erst hören muss, bevor man es formt. Seine Architektur verzichtet auf spektakuläre Gesten und setzt stattdessen auf aufmerksame Wahrnehmung. Vielleicht ist es genau diese Haltung, die Venedig heute am dringendsten braucht: eine Art, die Stadt zu durchqueren und zu erleben, die respektvoll, reflektiert und von tiefer Poesie erfüllt ist.
www.querinistampalia.org
www.labiennale.org
www.fondoambiente.it
Wenn Sie auf „Alle Cookies akzeptieren“ klicken, stimmen Sie der Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät zu, um die Websitenavigation zu verbessern, die Websitenutzung zu analysieren und unsere Marketingbemühungen zu unterstützen.
