Frau Perez-Alvarado, Ihre Marke muss man eigentlich nicht mehr vorstellen. Dennoch gibt es gerade einen umfassenden Relaunch von Orient Express. Warum eigentlich?

Wir sind sehr privilegiert, eine Marke neu zu lancieren, die tatsächlich keine Einführung braucht: Sie existiert seit 143 Jahren. Der Grund, warum sie damals entstand, war der Wunsch zu verbinden – Menschen mit Orten, Menschen miteinander, Menschen mit sich selbst. Und was wir jetzt tun, übrigens Hand in Hand mit einem promovierten Orient-Express-Historiker im Haus, ist die Marke durch drei verschiedene Asset-Typen neu zu manifestieren: Hotels, Züge und Yachten.

Wofür stehen denn diese Asset-Typen?

Jedes einzelne unserer Assets feiert eine bestimmte Epoche. Wir eröffneten vor gut einem Jahr unser Hotel «Orient Express La Minerva» in Rom, einen Palazzo aus dem 17. Jahrhundert, der im 19. Jahrhundert zum Hotel wurde – Roms ältestes laufendes Hotel. In derselben Woche brachten wir «La Dolce Vita Orient Express» auf die Schiene, unseren Liebesbrief an Italien in Zugform. Im März dieses Jahres eröffnete das «Orient Express Venezia» in einem Palazzo aus dem 15. Jahrhundert. Ende Mai stach die erste unserer zwei Yachten, die «Orient Express Corinthian», in See. Und Ende 2027 kommt «L’Orient Express» dazu. Jedes Asset feiert eine andere Zeitepoche – und das ist der rote Faden, der alles verbindet.

Das Segelschiff weilt zurzeit im Mittelmeer. © Orient Express

Unternehmen wir doch gedanklich eine Reise durch dieses Orient-Express-Angebot. Wir beginnen in Venedig: Was erwartet die Gäste im «Orient Express Venezia»?

Es ist eine Residenz, eine Villa mit unglaublich vielen Geschichten. Hier befand sich einst Italiens schönste und grösste Bibliothek ausserhalb des Vatikans, als der «Duca di Urbino» das Haus bewohnte. Die Künstlerarchitektin Aline Asmar d’Amman – sie war die Schöpferin hinter dem Hotel de Crillon in Paris – hat acht Jahre lang Hand in Hand mit der italienischen Regierung an der Restaurierung gearbeitet, weil das Gebäude schlicht ein nationales Juwel ist. Jeder Zentimeter, den man sieht, ist ein Schatz: historisch, architektonisch, monumental.

Und das wollen Sie nun betonen?

Wir wollen, dass man beim Betreten das Gewicht der Geschichte spürt. Diese Säulen stehen seit 600 Jahren. Wenn sie reden könnten – Casanova, die grossen Bälle, die Dogen… Das Hotel liegt zudem im Cannaregio-Viertel, abseits der grossen Touristenströme, umgeben von Galerien. Genau das wollen wir: Kultur, Kunst, Menschen. Und die Gastronomie, kuratiert von Heinz Beck, verbindet Genuss mit Nachhaltigkeit und Gesundheitsbewusstsein. Dazu gibt es ein intensives Kulturprogramm. Gerade jetzt, wo wir mitten in der Biennale sind, spürt man das im ganzen Viertel.

Die «Corinthian» ist ein Ingenieurskunstwerk. © Orient Express

Reisen wir weiter nach Rom mit «La Dolce Vita Orient Express». Wie unterscheidet sich dieser Zug vom «Venice Simplon-Orient-Express», den Ihr Mitbewerber Belmond betreibt?

In den letzten Jahren ist das Interesse an Zugreisen, am langsamen Reisen, am bedeutungsvollen Reisen enorm gestiegen. Der Venice Simplon-Orient-Express ist ein wunderschönes Fahrzeug dafür: Hier wird man in die Belle Époque versetzt. Wer hingegen in die «La Dolce Vita» einsteigt, betritt eine völlig andere Welt. Unser Heimatbahnhof ist der Ostiense in Rom, ein Bau von 1938. Die Architektur ist brutal, stark, gewaltig, und der Mosaikboden, der das Römische Reich feiert, gibt einem buchstäblich Gänsehaut. Dann betritt man unsere Lounge und wird in warme Bernsteintöne der 1950er- und 1960er-Jahre getaucht – fast wie eine Umarmung.

Und der Zug selbst?

Der Name «La Dolce Vita» sagt alles: Genuss, Freude, Schönheit, das Nachkriegsitalien, das das Leben zelebrierte. Dazu kommen die Off-Board-Erlebnisse – ein Weingut, eine Handwerkswerkstatt, der Palio in Siena, eine Trüffelroute sowie das Gastronomieangebot von Heinz Beck, das immer den Ort und die Saison widerspiegelt. An Bord reisen rund 40 bis 50 Gäste, es ist intim, lebendig, festlich.

Edel: «La Dolce Vita Orient Express» von aussen. © Patrick Locqueneux

In Rom verbringen wir danach einige Tage im «Orient Express La Minerva». Was macht dieses Hotel besonders?

Es liegt an der Piazza della Minerva, keine hundert Meter vom Pantheon entfernt. Man hat ein 360-Grad-Panorama, sieht den Vatikan, das Vittoriano: Die Dachterrasse ist die schönste in ganz Rom, das sage ich ohne jede Einschränkung. Der 35-jährige franco-mexikanische Architekt Hugo Toro hat das Haus neugestaltet. Seine Handschrift ist maskulin, im Gegensatz zu Venedig, das sehr feminin ist. Er hat Kunsthandwerker aus ganz Italien zusammengebracht, um alles in einem zutiefst römischen Geist zu restaurieren.

Was zeichnet den Betrieb sonst aus?

Es gibt eine verborgene Kapelle, ein wunderbares Hammam-Spa, das Rooftop-Restaurant Gigi, das man aus Paris, Saint-Tropez und Dubai kennt. Aber das Herzstück ist die Atmosphäre des Salons: An der Bar sitzen Politiker, Unternehmer, Reisende. Genau das wollte Georges Nagelmackers, als er 1883 den ersten Zug in Betrieb nahm: eine Begegnung der unterschiedlichsten, interessanten Menschen. «La Minerva» lebt das – in einer sehr römischen Interpretation.

Blick auf die «Minerva»-Fassade. © mr. tripper

Besteigen wir nun die Luxus-Segelyacht «Orient Express Corinthian» und segeln an die Côte d’Azur. Wodurch unterscheidet sich dieses Erlebnis von einer konventionellen Kreuzfahrt?

Die «Corinthian» sitzt an der Schnittstelle zwischen einer Privatyacht und einem sehr kleinen Kreuzfahrtschiff. Denn alle unsere Assets sind auf eine Grösse ausgelegt, die sehr privat, sehr intim wirkt – und jedes einzelne kann auch vollständig privatisiert werden, was wir sehr häufig erleben. Auf der Yacht reist man mit maximal 54 Kabinen, also rund hundert Gästen.

Und welche Epoche dominiert an Bord?

Äusserlich ist die «Corinthian» ein Ingenieurskunstwerk, das grösste Segelschiff der Welt. Im Innenbereich hat Designer Maxime d’Angeac die 1920er-Jahre zum Leben erweckt: Art déco in seiner reinsten Form. Wir arbeiten zudem mit Lalique, Christofle, Cartier zusammen – Marken, die Orient Express schon damals begleiteten. Entsprechend ziehen sich die Gäste an, man trägt Abendkleidung, die Damen erscheinen in wunderschönen Roben. Die Gastronomie dafür verantwortet Yannick Aléno mit seinen 17 Michelin-Sternen, und das Wellness-Programm ist von Guerlain kuratiert. An Bord gibt es ein Amphitheater, sogar ein Aufnahmestudio. Die «Corinthian» segelt jetzt im Mittelmeer, ihr Heimathafen ist Saint-Tropez. Im Oktober überquert sie dann den Atlantik Richtung Karibik. Das goldene Zeitalter des Reisens, die 1920er-Jahre – das ist es, was wir auf See beschwören.

«Ein nationales Juwel»: Blick in den «Venezia»-Salon. © Giulio Ghirardi

In Paris besteigen wir «L’Orient Express» für die historische Zugreise über München, Wien, Budapest und Bukarest bis nach Istanbul. Wie verhält sich der ab Ende 2027 fahrende Zug zum Original?

Der erste Orient Express fuhr 1883. Wir kehren auch hier zu den 1920er-Jahren zurück und berücksichtigen dabei alle Vorgaben, die Initiator Georges Nagelmackers damals etabliert hat: Effizienz, Eleganz, Handwerk – aber mit dem vollen Komfort und Glamour der damaligen Zeit. Nagelmackers war inspiriert von einer transatlantischen Reise in die USA, wo er sah, wie effizient Zugreisen sein konnten. Er wollte diese Idee nach Europa bringen und mit Kultur und Kunst anreichern. Genau das werden auch wir erleben. Damit ist es ein grundlegend anderer Zug als «La Dolce Vita». Dort kleidet man sich im Stil der 1960er-Jahre, hier sind es schwarze Krawatte und Abendgarderobe wie vor hundert Jahren. Die Gastronomie kuratiert übrigens wiederum Yannick Aléno, mit Off-Board-Erlebnissen auf privatem Terrain oder bei exklusiven Besuchen von Monumenten.

Wie gelingt es Ihnen, nostalgischen Glamour und zeitgenössischen Luxus bei «L’Orient Express» in Einklang zu bringen?

Wir wollen der Kunst und den Codes der jeweiligen Epoche treu bleiben, aber selbstverständlich mit dem Komfort der Gegenwart. Und wir wollen sicherstellen, dass alles, was wir schaffen, zeitlos ist und in 10, 20, 40, ja 140 Jahren noch relevant sein wird. Es kann nicht nur für den Moment sein. Was uns dabei hilft: Kultur ist zeitlos. Kunst ist zeitlos. Wenn wir uns an diesen Ankern orientieren, sind wir auf der sicheren Seite.

40 bis 50 Gäste reisen mit «La Dolce Vita». © mr. tripper

Nun waren wir in Hotels, Zügen, Yachten – lassen sich diese Möglichkeiten auch in Wirklichkeit verbinden?

Das Schöne ist: Man kann das ganze Orient-Express-Universum miteinander kombinieren: Von Rom aus geht es mit «La Dolce Vita» nach Venedig, von dort mit der Yacht die Adria hinunter ans Mittelmeer, nach Saint-Tropez. Weiter führt «L’Orient Express» nach Paris, dann nach Istanbul – und von Istanbul zurück nach Rom. Es ist wie ein Buch, das man von vorne nach hinten lesen kann, aber ebensogut von hinten nach vorne. Manche schlagen es auch mittendrin auf.

Was erleben anspruchsvolle Schweizer Reisende, die Qualität, Authentizität und Exklusivität schätzen, auf Ihren Zügen und in Ihren Hotels?

Sie werden das Kulturprogramm schätzen, das wir kuratieren. Und ich glaube, sie werden auch die anderen Gäste geniessen – die Vielfalt der Hintergründe, die Neugier der Menschen an Bord. Aber am meisten, denke ich, werden sie das Niveau des Handwerks und die Präzision sehen und spüren: etwas so Authentisches, so durch und durch Schweizerisches in seiner Grundhaltung.

Das «Minerva» wurde im römischen Geist restauriert. © accor

Die Strecke Paris–Istanbul verbindet sehr unterschiedliche Kulturen und Landschaften. Wie spiegelt sich diese Vielfalt im Erlebnis an Bord wider?

Durch das Essen, durch die Kulturprogramme an Bord, und durch die Off-Board-Erlebnisse. Durch die Möglichkeit, eine Stadt oder einen Aspekt einer Stadt zu erkunden, ein Festival zu erleben, das gerade stattfindet. Das Design im Innern bleibt konstant – wir wollen, dass man die Orte durch eine Linse erlebt: durch die Linse von 1929, von 1800, von 1400. Es ist fast wie ein Filter. Man erlebt das Hier und Jetzt, aber durch den Blick einer vergangenen Zeit.

Welche Rolle spielen regionale Einflüsse auf der Strecke Paris–Istanbul in der Küche an Bord?

Yannick Aléno respektiert in seiner Menügestaltung zutiefst die Orte, die wir bereisen, und das auf «L’Orient Express» wie auch auf den Yachten. Es ist zweierlei: Einerseits sollen die Gäste die Aromen kosten, die für die jeweilige Region ursprünglich und typisch sind. Andererseits spielen Frische und Nachhaltigkeit eine grosse Rolle; wir beziehen die Produkte vor Ort. Es ist Teil der Aktivierung aller Sinne. Man muss die Region, die man besucht oder gerade passiert, auch schmecken, sonst ist es wirklich eine verpasste Chance. Das Essen wird also saisonal sein, es wird lokal verankert sein – und es wird in jedem Moment widerspiegeln, wo man sich gerade auf der Welt befindet.

Wenn Sie Ende 2027 zum ersten Mal selbst mit «L’Orient Express» reisen: Wo werden Sie die Magie des Zuges am intensivsten erleben?

So viel Arbeit und Einsatz stecken im Verborgenen. Deshalb freue ich mich am meisten auf das, was ich schon am 4. April 2025 erlebt habe, als «La Dolce Vita Orient Express» pünktlich um 12 Uhr den Bahnhof Ostiense in Rom verliess. Beim letzten Rundgang durch den Zug kurz vor der Abfahrt sah ich meine Crew in den Gängen, in der Küche, am Tresen: Das Lächeln, den Stolz. Sie waren Orient Express, nicht der Zug, nicht das Logo. Die ersten Gäste gingen an Bord, ich ging hinter den Kulissen entlang, schüttelte Hände, sah in die Augen meiner Leute und dachte: «Ich bin so stolz auf euch. Jetzt seid ihr dran. Es ist Showtime.» Diesen Moment – den kann ich für «L’Orient Express» kaum erwarten.


Zur Person: Gilda Perez-Alvarado ist CEO von Orient Express und eine führende Persönlichkeit der globalen Hotelbranche. Zuvor leitete sie bei JLL Hotels & Hospitality internationale Investitionen. Ihr Werdegang begann im Finanz- und Beratungsumfeld, bevor sie sich auf Luxusimmobilien spezialisierte und weltweit prägende Projekte verantwortete.